Wieso wir uns doch wiedersehen sollten.

16th September 2020

by Samuel Lottner

Ein weiteres gestandenes Unternehmen, das den Schritt wagt. real.digital hat schon vor einigen Wochen stolz verkündet, jetzt auch „Remote-First“ Company zu sein. Ein spannender Schritt, wie ich finde – und prinzipiell auch in die richtige Richtung. Aber wie man vielleicht schon raushört, bin ich von dem Konzept nicht zu 100% überzeugt. Deswegen wird das hier auch kein weiteres Plädoyer dafür, wie toll Remotearbeit ist (die gibt es zur Genüge), sondern meine Einstellung dazu, wieso wir uns (zumindest einen nicht unerheblichen Teil der Arbeitszeit) doch hin und wieder sehen sollten.

Was man sich erhofft?

Höhere Mitarbeitermotivation, höhere Zufriedenheit und Produktivität – um nur ein paar der einschlägigen und auch berechtigten Punkte zu nennen. Dazu gesellen sich zusätzlich der Umweltaspekt und vielleicht noch die stärkere Bindung an den Arbeitgeber durch gegenseitiges Vertrauen. Man könnte wohl noch ewig so weitermachen, die Liste stichhaltigen Argumenten ist lang, Studien zu gesteigerter Produktivität und Zufriedenheit gibt es zur Genüge. Flexibel von Zuhause oder auch von woanders zu arbeiten wird wohl in Zukunft eher die Regel als die Ausnahme.
Insbesondere im Recruiting verschafft man sich zumindest momentan noch einen riesigen Vorsprung durch die Erweiterung des eigenen Talenthorizonts. Nicht umsonst sind kreative “Schmelztiegel” wie Berlin oder Amsterdam so international und multikulturell wie sonst kaum andere Städte. Vor allem in kreativen Design- oder Ideenprozessen sehe ich riesige, leider noch ungenutzte Potentiale – wenn man das nötige Setup und Umfeld schafft. Wenn man fünf großartige Kandidaten hat und wochenlang für das Feedback braucht, wird man höchstwahrscheinlich niemanden einstellen können, genauso ist ein gut durchdachtes Setup von den gewählten Systemen über klar definierte Prozessen bis hin zur Kultur der Designabteilung zwingend notwendig um das neu gewonnene Potential von Remote-Designtalenten auch ausschöpfen zu können.

Allein die Frage der Tools stellt viele Unternehmen oder Führungskräfte vor eine Herausforderung. Am Ende des Tages ist es nämlich Realität, dass die Methode der Wahl für Homeoffice momentan immer noch der gute alte VPN Zugang ist. Vor allem in der Altersgruppe der 16 bis 34-jährigen liegen veraltete, langsame und schlechte Tools und Systeme immer noch auf Platz 1 der Produktivitäts- und Kreativitätskiller, unabhängig von Remote-Arbeit. Vor allem bei größeren Unternehmen, die abrupt auf neue Systeme umstellen oder diese einführen, ohne die Mitarbeiter wirklich zu schulen oder in die Entwicklung und Auswahl aktiv miteinzubeziehen, können sich schnell neue Probleme entwickeln. Nicht selten werden dann mehrere Tools und Systeme parallel gepflegt oder die Kommunikation und Abstimmung untereinander leidet aufgrund nicht klar definierter Prozesse. Viele standen wegen Corona vor der Herausforderung, Möglichkeiten zu finden, trotz der Distanz effektiv und gut zusammenzuarbeiten. Dennoch lohnt es sich allemal, immer wieder einen Blick zurück zu werfen und zu bewerten wie sinnvoll die eingesetzten Methoden und neu geschaffenen Prozesse sind und wo sich Verbesserungspotentiale oder Probleme offenbart haben.
Vor allem aber was das Thema Kreativität angeht, gilt es in Design und Kreationsteams erfinderisch zu werden.
Denn nach wie vor beflügelt nichts so sehr den kreativen Denkprozess wie der persönliche Austausch, sei es in einem speziell angesetzten Meeting oder beim spontanen Smalltalk auf dem Weg zur Kaffeemaschine oder in der Mittagspause. Nicht umsonst hat sich das gute alte Brainstorming bis heute bewährt und man wendet sich doch das eine oder andere Mal an den Kollegen, der dasselbe oder bereits ein ähnliches Problem hat oder hatte. Dieser persönliche Austausch nimmt mit Zunahme des Arbeitens von Zuhause definitiv ab. Worin sich Alle einig sind: Mit dem persönlichen Austausch nimmt auch ungewollte Ablenkung durch Kollegen ab – ein durchaus positives Merkmal. Doch sind es oftmals nicht genau diese bereichernden Gespräche oftmals der erste Funken für einen neuen Gedanken oder eine neue Idee, die maßgeblich dann zu den jetzigen oder zu zukünftigen Projekten beitragen kann? Ob die Distanz und der reine virtuelle Austausch die Kreativität (und somit direkt oder indirekt auch die Produktivität) eines Designteams nachhaltig negativ beeinflussen, kann man wohl noch nicht wirklich absehen.

What´s your biggest struggle with working remotlely?

Grafik von Buffer

 

Was man sagen kann ist,

dass über die Hälfte der Befragten Kommunikation, Einsamkeit und die Möglichkeit abzuschalten als ihre größten Herausforderungen sehen, wenn sie von Zuhause arbeiten. Alles Faktoren, die kreative Prozesse direkt negativ beeinflussen. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine eigene (Design-)kultur zu entwickeln und an neue Mitarbeiter remote weiterzugeben wird definitiv eine große Herausforderung, der sich jedes Unternehmen, das diesen Schritt wagen möchte, früher oder später stellen muss. Im Falle von real.digital soll das mit regelmäßigen Events und der Möglichkeit, sich trotzdem für bestimmte Themen im Office zu treffen, geschaffen werden. Ein guter Ansatz, wie ich finde. Ob das ausreicht, wird sich zeigen. Das Feedback der Mitarbeiter ist dann wie so oft der ausschlaggebende Punkt.

Am Ende des Tages kommt es wohl darauf an, mit welcher Konsequenz man das Thema „Remote First“ oder vielleicht sogar „Remote Only“ in Zukunft angeht. Es ist nämlich definitiv nicht damit getan, für alle Designer einen VPN Zugang einzurichten und sich dann für Meetings in Zoom/Teams oder Skype zu treffen. Richtige Tools, die in Zusammenarbeit mit dem Team ausgewählt und implementiert werden sind mindestens genauso wichtig, wie eigene Prozesse und schlussendlich die Motivation jedes einzelnen, an einem Strang zu ziehen.
Für die meisten Prozesse oder Themen völlig unproblematisch und einen Segen für die meisten Mitarbeiter, aber für bestimmte Projekte dann doch mit Vorsicht zu genießen. Ich für meinen Teil war heilfroh, meine Kollegen nach 6 Wochen im Homeoffice dann beim morgendlichen Kaffee wieder persönlich zu sehen. Wir sind definitiv alle motivierter, produktiver und ideenreicher, wenn wir nicht vom Küchentisch aus in Jogginghose arbeiten. Wir sollten uns dann doch wiedersehen – zumindest gelegentlich.